„Mit 50 lohnt sich ein ETF-Sparplan doch nicht mehr.“ Diesen Satz höre ich öfter, als mir lieb ist, und er stimmt einfach nicht. Er stammt aus einer Zeit, in der Renteneintritt mit 65 gleichbedeutend war mit dem Ende aller Geldsorgen. Heute liegt die statistische Lebenserwartung eines 50-jährigen Mannes in Deutschland bei weiteren rund 30 Jahren, bei Frauen sind es noch etwas mehr. Dein Anlagehorizont endet also nicht mit dem Renteneintritt, er läuft einfach weiter, nur mit anderen Entnahmeregeln.

Warum „zu spät“ die falsche Frage ist

Die richtige Frage ist nicht, ob du noch anfangen sollst, sondern wie viel Zeit dein Geld noch hat zu arbeiten. Mit 50 hast du bis zum Renteneintritt mit 67 realistisch noch 15 bis 17 Jahre Ansparzeit, und danach läuft das investierte Kapital häufig weiter, nur dass du beginnst, Teile davon zu entnehmen. Für Aktien-ETFs, die auf Jahrzehnte angelegt sind, ist das immer noch ein relevanter Zeitraum, kein Rest von ein paar Jahren.

Die Rechnung: 200 € im Monat über 15 Jahre

Beispielrechnung: Start mit 50, Sparplan bis 65

Angenommen, du beginnst mit 50 Jahren, investierst 200 € im Monat in einen breit gestreuten ETF wie den MSCI World, und rechnest mit der historischen Durchschnittsrendite von 7 Prozent pro Jahr (vor Steuern und Kosten).

  1. Eingezahlte Summe über 15 Jahre: 200 € × 12 Monate × 15 Jahre = 36.000 €
  2. Endkapital nach 15 Jahren bei 7 % p.a.: rund 63.400 €
  3. Reiner Zinsgewinn durch den Zinseszinseffekt: rund 27.400 €

Aus 36.000 € eingezahltem Geld werden rechnerisch 63.400 €. Das ist keine Verdopplung, aber ein Plus von 76 Prozent gegenüber der eingezahlten Summe, erzielt allein durch Zeit und Zinseszins, ohne dass du mehr gespart hättest als die reine Sparrate.

Was diese Zahl für deinen Ruhestand bedeutet

63.400 € sind kein Vermögen, das dich allein durch den Ruhestand trägt, aber sie sind ein Baustein, der ohne den Sparplan schlicht nicht existieren würde. Kombiniert mit gesetzlicher Rente, vielleicht einer betrieblichen Altersvorsorge und weiteren Ersparnissen, verändert diese Summe die Rechnung spürbar. Bei einer vorsichtigen Entnahmerate von 4 Prozent im Jahr entspricht das zusätzlichen 211 € im Monat, ohne dass das Kapital selbst aufgebraucht wird.

Wer mit 50 sogar 400 € statt 200 € im Monat investieren kann, verdoppelt nicht nur die Einzahlung, sondern auch das Endkapital auf etwa 126.800 €, weil die Rechnung linear mit der Sparrate skaliert. Wer mehr Zeit hat, weil er zum Beispiel erst mit 60 in Rente geht, profitiert zusätzlich von jedem weiteren Jahr im Sparplan.

Auch der Renteneintritt selbst muss keine harte Grenze sein. Wer plant, in Teilzeit oder mit einem kleinen Nebenerwerb über die Regelaltersgrenze hinaus aktiv zu bleiben, verschiebt den Zeitpunkt der ersten Entnahme entsprechend und lässt den Sparplan weiterlaufen. Jedes zusätzliche Jahr ohne Entnahme wirkt sich, wie im Beispiel oben gezeigt, überproportional auf das Endkapital aus, weil der Zinseszinseffekt gerade in den letzten Jahren der Laufzeit am stärksten wirkt.

Was du mit 50 anders machst als mit 25

Die Strategie unterscheidet sich in einem Punkt deutlich vom Start in jungen Jahren: der Aktienquote gegen Ende der Laufzeit. Mit 25 kannst du einen Crash von 30 Prozent aussitzen, weil dir Jahrzehnte zur Erholung bleiben. Mit 63 oder 64, kurz vor der geplanten Entnahme, wird ein solcher Einbruch schmerzhafter, weil weniger Zeit zur Erholung bleibt. Viele reduzieren deshalb in den letzten Jahren vor der Entnahme schrittweise die Aktienquote zugunsten von Tagesgeld oder Anleihen, um das Risiko eines Crashs kurz vor der geplanten Entnahme abzufedern. Das kostet etwas erwartete Rendite, reduziert aber das Risiko, ausgerechnet im falschen Moment verkaufen zu müssen.

Ein zweiter Unterschied: Mit 50 lohnt sich oft eine höhere monatliche Rate stärker als lange Diskussionen über den perfekten ETF. Die Auswahl zwischen zwei ähnlich breiten Indexfonds macht einen Unterschied im Nachkommabereich, die Sparrate macht den Unterschied in Tausenden von Euro. Wer noch keinen Notgroschen hat, baut den zuerst auf, bevor er die Sparrate in den ETF erhöht.

Der Freistellungsauftrag, den viele erst mit 50 entdecken

Ein Detail, das gerade bei einem späteren Start häufig übersehen wird: der Sparerpauschbetrag von 1.000 € pro Person und Jahr (2.000 € bei gemeinsam veranlagten Ehepaaren). Bis zu dieser Grenze bleiben Kapitalerträge steuerfrei, wenn du bei deinem Broker einen Freistellungsauftrag eingerichtet hast. Bei einem Depot, das über 15 Jahre wächst, machen die steuerfreien Erträge über die Zeit einen spürbaren Unterschied, verglichen mit dem Fall, dass der Freistellungsauftrag vergessen und automatisch Abgeltungssteuer abgezogen wird.

Was das Warten wirklich kostet

Der teuerste Fehler ist nicht ein falsch gewählter ETF, sondern das Aufschieben des Starts um weitere Jahre. Wer mit 50 plant, aber erst mit 55 tatsächlich anfängt, hat nur noch 10 statt 15 Jahre Zeit. Bei gleicher Sparrate von 200 € im Monat sinkt das Endkapital von rund 63.400 € auf etwa 34.600 €, fast eine Halbierung, ausgelöst allein durch fünf Jahre Verzögerung. Diese fünf Jahre wiegen deutlich schwerer als jede Diskussion über den optimalen ETF oder den perfekten Einstiegszeitpunkt an der Börse.

Genau deshalb ist die Frage „Ist es zu spät?“ so unglücklich gestellt. Sie führt oft dazu, dass Menschen mit 50 noch länger zögern, obwohl gerade jetzt jedes weitere Jahr ohne Sparplan teurer wird als jedes Jahr zuvor, weil weniger Zeit für den Zinseszinseffekt übrig bleibt.

Ein Depot einrichten dauert weniger als eine Stunde

Der praktische Teil ist überraschend unkompliziert. Bei einem Neobroker wie Scalable Capital ist ein Depot in der Regel innerhalb weniger Minuten eröffnet, die Identifikation läuft per VideoIdent direkt am Smartphone. Danach richtest du einen monatlichen Sparplan auf einen breit gestreuten ETF ein und trägst deinen Freistellungsauftrag ein. Ab diesem Moment läuft der Sparplan automatisch, ohne dass du monatlich manuell etwas überweisen musst.

Diese Rechnung ist eine vereinfachte Modellrechnung ohne Steuern, Depotkosten und Inflation. Historische Renditen sind keine Garantie für die Zukunft. Ich teile meinen persönlichen Ansatz, das ist keine individuelle Anlageberatung.

Häufige Fragen

Lohnt sich ein ETF-Sparplan wirklich noch mit 50?

Ja. Der Anlagehorizont endet nicht mit dem Renteneintritt, sondern läuft oft weitere Jahrzehnte weiter, nur mit schrittweiser Entnahme statt reinem Ansparen.

Sollte ich mit 50 einen anderen ETF wählen als mit 25?

Der Index selbst kann gleich bleiben, etwa ein MSCI World oder FTSE All-World. Was sich ändert, ist die Aktienquote in den letzten Jahren vor der geplanten Entnahme, die viele schrittweise absenken.

Was, wenn ich mit 50 noch keinen Notgroschen habe?

Dann baust du den zuerst auf, üblicherweise 3 bis 6 Nettogehälter auf einem Tagesgeldkonto, bevor du die monatliche Sparrate in den ETF erhöhst.

Weiterlesen: ETF kaufen als Anfänger: der 4-Schritte-Fahrplan und Notgroschen aufbauen: wie viel du wirklich brauchst.

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