Die meisten Menschen kennen ihren Netflix-Preis auswendig, aber nicht die Zahl, die über ihren Lebensstandard mit 67 entscheidet. Die Rentenlücke ist der Unterschied zwischen dem, was du im Alter brauchst, und dem, was die gesetzliche Rente tatsächlich zahlt. Bei den meisten Angestellten in Deutschland ist diese Lücke größer, als sie denken. Hier rechnest du sie in vier Schritten selbst durch.
Warum die meisten die eigene Lücke falsch einschätzen
Wenn ich Leute frage, wie hoch ihre Rente einmal sein wird, kommt fast immer ein Schulterzucken. Das liegt nicht an Desinteresse, sondern daran, dass die Rentenmitteilungen der Deutschen Rentenversicherung in Behördendeutsch geschrieben sind und selten geöffnet werden. Dabei steckt in diesem einen Brief pro Jahr die wichtigste Zahl für deine gesamte Finanzplanung. Ohne sie planst du im Blindflug, mit ihr hast du eine konkrete Grundlage.
Ein zweiter Grund, warum die Lücke unterschätzt wird: Viele rechnen nur mit der gesetzlichen Rente und vergessen, dass ihr heutiger Lebensstandard von einem vollen Nettogehalt finanziert wird, nicht von 45 Prozent davon. Die Differenz zwischen beiden Zahlen fällt erst auf, wenn man sie nebeneinander schreibt, und genau das machen wir jetzt.
Schritt 1: Deine Renteninformation lesen
Ab 27 Jahren verschickt die Deutsche Rentenversicherung jährlich eine Renteninformation. Darin steht die „Regelaltersrente bei weiterer Beitragszahlung“, also die Hochrechnung deiner gesetzlichen Rente, wenn du bis zum Renteneintritt genauso weiterarbeitest wie bisher. Diese Zahl ist dein Startpunkt. Sie berücksichtigt weder Inflation noch mögliche Rentenreformen, ist also eher eine optimistische Schätzung als eine Garantie.
Falls du die Renteninformation nicht zur Hand hast: Eine grobe Faustregel für Angestellte mit Durchschnittsverdienst ist eine gesetzliche Rente von 45 bis 50 Prozent des letzten Bruttogehalts nach vollem Erwerbsleben. Wer Lücken im Lebenslauf hat (Teilzeit, Selbstständigkeit, Erziehungszeiten ohne volle Anrechnung), landet oft niedriger.
Wichtig für die Rechnung: Zähle zur „erwarteten Rente“ auch andere Bausteine dazu, die du bereits hast. Eine betriebliche Altersvorsorge (bAV) über den Arbeitgeber, eine private Rentenversicherung oder ein bestehender Riester-Vertrag zahlen später zusätzlich zur gesetzlichen Rente aus. Wer diese Bausteine vergisst, überschätzt seine eigene Lücke und plant unnötig konservativ. Wer sie doppelt zählt oder gar nicht hat, unterschätzt sie dagegen gefährlich. Schau in den jeweiligen Jahresmitteilungen der Anbieter nach, dort steht die erwartete monatliche Auszahlung.
Der Unterschied zwischen Bruttorente und dem, was ankommt
Ein Punkt, der bei der Berechnung oft übersehen wird: Von der gesetzlichen Rente gehen im Alter noch Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge ab, aktuell zusammen etwa 11 Prozent. Die Zahl in deiner Renteninformation ist eine Bruttoangabe. Wer ganz genau rechnen will, zieht diese Beiträge vorher ab. Für eine erste Orientierung reicht es, mit der Bruttozahl zu arbeiten und im Kopf zu behalten, dass real etwas weniger ankommt als auf dem Papier steht.
Schritt 2: Deinen Bedarf mit der 80-Prozent-Regel schätzen
Im Ruhestand fallen einige Ausgaben weg (Pendeln, Berufskleidung, oft auch die Immobilienfinanzierung), dafür können andere steigen (Gesundheit, Freizeit). Als Faustregel gilt: Du brauchst etwa 80 Prozent deines letzten Nettoeinkommens, um deinen Lebensstandard zu halten. Das ist eine Orientierung, keine exakte Wissenschaft. Wer im Alter viel reisen will, sollte höher ansetzen.
Schritt 3: Die monatliche Lücke berechnen
Jetzt ziehst du die erwartete gesetzliche Rente von deinem Bedarf ab. Ein Beispiel mit realistischen Zahlen:
Beispielrechnung: 2.500 € Nettoeinkommen
Anna verdient aktuell 2.500 € netto im Monat. Laut ihrer letzten Renteninformation kann sie mit einer gesetzlichen Rente von etwa 1.200 € im Monat rechnen.
- Bedarf im Alter (80 % von 2.500 €): 2.000 € im Monat
- Erwartete gesetzliche Rente: 1.200 € im Monat
- Monatliche Rentenlücke: 2.000 € − 1.200 € = 800 € im Monat
Bei einer angenommenen Rentenbezugsdauer von 25 Jahren (67 bis 92) ergibt das einen Gesamtkapitalbedarf von 800 € × 12 Monate × 25 Jahre = 240.000 €, die zusätzlich zur gesetzlichen Rente vorhanden sein müssen, um die Lücke vollständig zu schließen.
Schritt 4: Die monatliche Sparrate ableiten
240.000 € klingen erst einmal nach viel. Verteilt auf die verbleibenden Erwerbsjahre und mit Zinseszins wird die Zahl deutlich kleiner. Ist Anna 40 Jahre alt und plant, mit 67 in Rente zu gehen, bleiben ihr 27 Jahre. Bei einer angenommenen ETF-Rendite von 7 Prozent pro Jahr (historischer Durchschnitt breit gestreuter Aktien-ETFs wie dem MSCI World) braucht sie dafür etwa 251 € im Monat, die sie ab sofort investiert.
Das ist die eigentliche Erkenntnis hinter der Rentenlücke: Sie wirkt riesig als Gesamtsumme, aber überschaubar als monatlicher Sparbetrag, wenn du früh anfängst. Je später du startest, desto höher wird die nötige monatliche Rate, weil weniger Zeit für den Zinseszinseffekt bleibt.
Was passiert, wenn du früher oder später anfängst
Die 251 € im Monat aus dem Beispiel gelten für einen Start mit 40 Jahren. Die gleiche Lücke von 800 € im Monat lässt sich mit weniger Kapitaleinsatz schließen, wenn früher gestartet wird, weil der Zinseszinseffekt mehr Zeit zum Wirken hat. Bei einem Start mit 30 Jahren und damit 37 Sparjahren bis 67 sinkt die nötige monatliche Rate auf etwa 114 € bei gleicher Rendite-Annahme von 7 Prozent. Wer dagegen erst mit 50 beginnt und nur noch 17 Jahre Zeit hat, braucht etwa 615 € im Monat für dieselbe Lücke. Das ist der eigentliche Grund, warum ich immer wieder betone, dass der Zeitpunkt des Starts wichtiger ist als die exakte Summe am Anfang.
Häufige Fehler bei der eigenen Berechnung
Ein Fehler ist, die Rechnung einmal zu machen und danach nie wieder anzuschauen. Gehalt, Miete und Lebenssituation ändern sich, und mit ihnen die Lücke. Ich empfehle, die Rechnung einmal im Jahr zu wiederholen, am besten direkt wenn die neue Renteninformation im Briefkasten liegt.
Ein zweiter Fehler ist, die Rentenbezugsdauer zu niedrig anzusetzen. Wer mit 67 in Rente geht und die Lebenserwartung unterschätzt, plant ein Kapitalpolster, das zu früh aufgebraucht ist. 25 Jahre Rentenbezug, wie im Beispiel oben, sind eine vorsichtige Annahme, keine Übertreibung.
Ein dritter Fehler ist, Inflation komplett zu ignorieren. Die hier gezeigte Rechnung arbeitet bewusst mit heutiger Kaufkraft, weil sich Gehälter und Renten über Jahrzehnte ohnehin nominal anpassen. Wer ganz genau rechnen will, sollte die Ergebnisse als Anhaltspunkt in heutigen Euro verstehen und nicht als exakte Prognose für das Jahr 2050.
Was du mit dem Ergebnis machst
Sobald du deine monatliche Lücke und die nötige Sparrate kennst, hast du eine konkrete Zielzahl statt eines diffusen Bauchgefühls. Der nächste Schritt ist ein ETF-Sparplan, der genau auf diese Rate ausgelegt ist. Nutze dafür unseren Rentenlücken-Rechner, um deine eigenen Zahlen statt der Beispielwerte einzugeben, das Ergebnis ändert sich je nach Alter, Einkommen und Rentenerwartung erheblich.
Wenn du danach direkt einen Sparplan aufsetzen willst, lies auch den Artikel ETF kaufen als Anfänger: der 4-Schritte-Fahrplan. Dort zeige ich, welchen ETF ich Einsteigern empfehle und wie die Einrichtung in der Praxis abläuft.
Diese Rechnung ist eine vereinfachte Orientierung, keine individuelle Finanz- oder Anlageberatung. Reale Rentenhöhen hängen von Beitragsjahren, Rentenreformen und individuellem Verlauf ab. Ich teile hier meinen eigenen Ansatz, keine Empfehlung für deine persönliche Situation.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter sollte ich meine Rentenlücke berechnen?
Je früher, desto besser, idealerweise schon mit Anfang 30. Ab 27 Jahren bekommst du ohnehin jährlich die Renteninformation zugeschickt, die als Grundlage für die Berechnung dient.
Ist die 80-Prozent-Regel für jeden richtig?
Nein, sie ist eine Faustregel. Wer im Alter ein Haus abbezahlt hat und sparsam lebt, kommt oft mit weniger aus. Wer viel reisen oder ein Enkelkind großzügig unterstützen will, braucht eher mehr als 80 Prozent.
Was, wenn ich die Lücke nicht komplett schließen kann?
Jeder Euro zählt. Auch eine Sparrate, die die Lücke nur zur Hälfte schließt, verbessert deine Situation im Alter deutlich gegenüber gar keinem Sparplan. Wichtig ist der Start, nicht die perfekte Zahl.
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